[Marion] So ähnlich wie beim Spektrum, bekomme ich auch beim Thema Maskieren immer wieder zu hören, „Aber wir tragen doch alle eine Maske.“
Ja, ich weiß, die Formulierung kenne ich.
Die neurotypische Maske hat allerdings gar nichts mit dem autistischen Maskieren zu tun.
Autistisches Maskieren ist eher so etwas wie ein Tarnmantel, den wir uns meistens schon sehr früh zulegen und der uns üblicherweise so sehr zur zweiten Haut wird, dass uns gar nicht bewusst ist, dass wir diesen Tarnmantel überhaupt haben.
Dabei ist diese Tarnung in der Regel keine bewusste Entscheidung, sondern eine Strategie, geboren aus der Erfahrung, dass wir mit unseren autistischen Verhaltensweisen in der neurotypischen Welt nicht willkommen sind.
Also beobachten wir die neurotypischen Menschen um uns herum und versuchen, sie so gut wie möglich zu imitieren, die Regeln ihrer Interaktionen zu verstehen und zu übernehmen, um so nicht mehr unangenehm aufzufallen.
Dieses ständige Beobachten und Anpassen ist unfassbar anstrengend und führt dazu, dass die meisten von uns sich regelmäßig erschöpft und müde fühlen.
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Ich habe von außen gesehen ein völlig normales Leben geführt. Ich habe studiert, gearbeitet, noch ein zweites Studium begonnen, war verheiratet, habe zwei Kinder geboren, habe diese nach dem Scheitern meiner Ehe alleine großgezogen, habe immer gearbeitet, nebenbei noch Fortbildungen besucht und weitere Zusatzausbildungen absolviert und Karriere gemacht. Ich war auf Konzerten, auf Festivals, habe viele Reisen gemacht, viel von der Welt gesehen. Ich bin meinen Hobbys nachgegangen.
Ich habe erst vor zwei Jahren erfahren, dass ich Autistin bin. Ich war so gut angepasst, dass niemandem meine autistischen Züge aufgefallen sind. Und ich habe überhaupt nicht gewusst, dass ich mich anpasse. Das lief so „automatisch“, dass ich gar keine Ahnung hatte, was ich da tue. Ich weiß nur, dass ich mein Leben lang eigentlich immer nur müde war.
Schule war so anstrengend, dass ich nachmittags regelmäßig geschlafen habe. Meine Eltern haben mich deshalb oft kritisiert und mir immer wieder vorgeworfen, ich würde nicht rechtzeitig ins Bett kommen und sei deshalb so müde. Nein, ich war müde, weil ich den ganzen Vormittag nicht nur im Unterricht aufpassen musste, sondern auch in den Pausen und in jeder Interaktion mit meinen Mitschüler_innen.
Als Erwachsene kenne ich es nicht anders als dass das Leben anstrengend ist.
Ich hatte immer wieder mit Depressionen zu kämpfen, habe regelmäßig so ziemlich jede Infektion mitgenommen, die an mir vorbei lief.
Und ich hatte immer ein schlechtes Gewissen deswegen. Ich habe immer versucht, mich fitter zu machen, meine Kondition zu trainieren, Sport, Ernährung, Therapien…
Immer mit der Frage: was mache ich falsch?
Rückblickend weiß ich, ich habe nichts falsch gemacht. Ich war auch nicht schwach oder nicht belastbar. Im Gegenteil.
Nachdem ich meine Diagnose hatte, kam mir der Vergleich mit einem Computer:
Mein Betriebssystem ist ND, während die meisten anderen Betriebssysteme um mich herum NT sind. Da ich nicht wusste, dass ich ein anderes Betriebssystem habe, habe ich natürlich auch versucht, NT-Apps auf meinem Rechner laufen zu lassen. Auf einem ND-PC können NT-Apps laufen, kein Problem. Dafür gibt es Emulator-Programme, die den PC aussehen lassen, als wäre er ein NT-PC.
Das Problem: dieses Emulator-Programm braucht zusätzlichen Speicher, alle Apps müssen über dieses Programm laufen, keine App läuft „einfach so“ – und diese zusätzlichen Routinen verschlingen Akkukapazitäten, weil ja nicht nur die App laufen muss, sondern auch noch das Emulator-Programm, während im Hintergrund die ganze Zeit das eigentliche Betriebssystem arbeitet.
Und so hat mein System für alles, was andere (NT-)Systeme mit 60-80% Leistung erledigt haben, immer zwischen 90 und 100% gebraucht.
Das hält kein System auf die Dauer durch.
Was hat das mit autistischem Maskieren zu tun?
Autistisches Maskieren ist das Emulator-Programm, dass wir entwickeln, um die NT-Apps, also die neurotypisch-konformen Verhaltensweisen, ablaufen lassen zu können.
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Wie kann autistisches Maskieren aussehen?
Im Bereich Sprachverständnis:
Augenkontakt halten, auch wenn es schwer fällt, die eigene Körperhaltung anpassen und immer wieder kontrollieren, auch während eines Gesprächs, Small-Talk- Skripte parat halten (Floskeln nachahmen, einüben, Redewendungen merken), im Gespräch eher zurückhaltend sein, um nicht „reinzuplatzen“, obwohl man etwas beitragen könnte/möchte,
Im Bereich Soziales Bewusstsein:
Beobachten, studieren und nachahmen von neurotypischen Verhaltensmustern, sehr rigides Befolgen von Regeln, in Beziehung die Erwartungen erforschen und diese erfüllen, egal, wie es einem selbst damit geht, ggfs. Anregungen aus Büchern und Filmen holen, um zu verstehen, wie Beziehung funktionieren soll.
Im Bereich Monotropismus:
Das eigene Spezialinteresse verbergen, verleugnen, den Hyperfokus ausbremsen, tarnen, den Wechsel zwischen Aufgaben irgendwie organisieren, das Unwohlsein darüber verbergen, verleugnen.
Im Bereich Verarbeitung von Informationen:
Der Hyperfokus hilft oft, neue Informationen zügig aufzunehmen, hier müssen gerade überdurchschnittlich oder hochbegabte Autist_innen oft eher aufpassen, dass sie nicht zu schnell unterwegs sind und ihre Umwelt verärgern, weil sie schon die Lösung sehen können, während die neurotypischen Kolleg_innen noch nicht einmal das Problem verstanden haben.
Sich an neue Umgebungen oder Situationen anzupassen und das auszuhalten, ist auch ein Teil des Maskierens. Autist_innen lernen, über ihre Gefühle hinweg zu gehen, sie beiseite zu schieben oder sie zu ignorieren. Das kann so weit gehen, dass sie sich selbst gar nicht mehr wahrnehmen können oder ihrer eigenen Wahrnehmung nicht mehr trauen.
Im Bereich Verarbeitung von sensorischen Informationen:
Das schicke Kleid zu tragen, obwohl der Stoff sich unangenehm auf der Haut anfühlt und das Gefühl wahnsinnig macht. Hohe Schuhe zu tragen, obwohl sie das Gleichgewicht beeinträchtigen. Mit ins Restaurant oder in den Club zu gehen und dabei das Unwohlsein aufgrund der Musik oder der vielen Menschen zu überspielen.
Im Bereich Repetitive Verhaltensweisen:
Hände festhalten, nicht zappeln, starr stehen, nicht summen, nicht mit Gegenständen „herumspielen“, das eigene Verhalten ständig unter Kontrolle zu halten.
Im Bereich Neuro-motorische Unterschiede:
Ausreden erfinden, warum man an bestimmten Aktionen nicht teilnehmen kann, Ungeschicklichkeiten mit einem Lächeln überspielen „ach, ich Schussel“, bestimmte Tätigkeiten in der Öffentlichkeit vermeiden, sich in der Öffentlichkeit besonders konzentriert bewegen.
All das benötigt ein sehr hohes Maß an Selbst-Kontrolle, an Selbst-Beobachtung und kostet entsprechend viel Energie. Autistisches Maskieren ist ein Dauerzustand, in vielen Fällen ist den Betroffenen gar nicht bewusst, dass sie maskieren.
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Ich bin hochbegabt und autistisch. Das heißt, mein Gehirn hat nicht nur eine andere Verarbeitungsstruktur, sondern auch eine andere Verarbeitungsgeschwindigkeit. Heute weiß ich, dass meine Hochbegabung meinen Autismus mein Leben lang verdeckt hat.
Meine Beobachtungsgabe, meine Fähigkeit, Strukturen und Muster zu erkennen und meine Verarbeitungsgeschwindigkeit haben mir von klein auf an geholfen, zu erkennen, was erwünscht war. Ich erinnere mich, dass ich schon in der Schule immer darauf geachtet habe, wie die anderen sich verhalten haben, um sie dann zu imitieren, bloß um nicht aufzufallen. Das hat zwar nicht besonders gut funktioniert, war aber die einzige Strategie, die mir zur Verfügung stand.
Die eine Frage, die mich mein ganzes Leben lang begleitet hat, war, „Warum macht der/die das?“ Also die Frage, warum (neurotypische) Menschen tun, was sie tun.
Und die andere Frage, “ Warum tue ich, was ich tue?“
Dabei haben mir sowohl die Psychologie wie auch spirituelles Wissen sehr geholfen. Bis heute sind das meine Spezialinteressen. Und nach mehr als 40 Jahren kann ich sagen, dass ich mir ein ziemlich fundiertes Wissen angeeignet habe, das ich auch immer mit eigenen Erfahrungen untermauern konnte.
Ich habe dieses Bild, dass jeder Mensch in sich diesen Keller hat, in dem er alles versteckt, was er an sich nicht mag/ablehnt und all die gruseligen Erfahrungen aus seinem Leben, die er am liebsten vergessen möchte.
Ich habe für mich gelernt, dass es wichtig ist, diesen Keller aufzuräumen, wenn ich meine Trigger, also die Themen, die mich immer wieder emotional „abschießen“, entschärfen will.
Ich habe mein ganzes Leben daran gearbeitet, diesen Keller aufzuräumen. Die Idee dahinter war, dass ich, wenn ich meinen Keller aufgeräumt habe, endlich weiß, warum ich tue, was ich tue, warum ich bin, wie ich bin – und ich mich dann so verändere, dass es endlich „Leicht“ wird, dass ich endlich dazu gehöre.
Im Sommer vor fast drei Jahren war ich tatsächlich so weit. Da hatte ich das Gefühl, „jetzt ist mein Keller aufgeräumt“. Seltsam war nur, dass durch den Kellerboden ein Riss zu laufen schien. „Naja, den muss ich nochmal auffüllen, aber das ist ja kein Problem.“ Irrtum.
Dieser Riss war ein Hinweis darauf, dass es noch einen weiteren Keller gab. Das habe ich dann im darauffolgenden Herbst, Winter und Frühjahr verstanden, als ich auf die Autismus-Spur stieß: in diesem weiteren Keller hatte sich mein autistisches Ich in einer Werkstatt versteckt. Und in dieser Werkstatt hat sie mir all die vielen Jahrzehnte hindurch immer wieder neue Tarnmäntel geschneidert. Bis sie jetzt an dem Punkt war, an dem sie keinen Tarnmantel mehr für mich hatte. Da ist uns das gesamte Gebäude über unseren Köpfen zusammengestürzt.
Das war so dramatisch, wie es sich anhört. Ich war so erschöpft, dass ich in den ersten Wochen nach meinem Zusammenbruch nur auf dem Sofa gesessen und Löcher in die Luft gestarrt habe. Ich konnte kaum sprechen und mich nur mit Mühe um mich kümmern. Aber das funktionierte zum Glück noch. Es gibt andere, die brechen so vollständig zusammen, dass sie sich nicht mehr selbst versorgen können. Ich denke, auch hier hat mir meine Hochbegabung geholfen, die einfach wusste, was zu tun war.
Seitdem sind jetzt zwei Jahre vergangen. Intensive, lehrreiche, schmerzhafte Jahre.
Heute komme ich allmählich an den Punkt, an dem ich akzeptieren kann, dass ich meinen Tarnmantel nie wieder bekommen werde. Ich bin wer ich bin, mit all den Eigenheiten und Eigenschaften, die mich ausmachen.
Und jetzt mache ich mich auf den Weg, die Apps zu finden, die auf meinem Betriebssystem laufen. Das ist nicht einfach, weil die NT-PCs immer noch darauf bestehen, dass ich ihre Apps laufen lassen können müsste. Aber es gibt Apps für ND-PCs. Und ich werde sie finden.





















